
STIFTSKIRCHE ST. GOAR
Hans Meijer
Rheinfels
1605 – 1626: Rein reformiert (calvinistisch) Nachdem Landgraf Maurits den Calvinismus zur Pflicht gemacht hatte, durften sich die Lutheraner nicht mehr in der Kirche versammeln. Die Orgel wurde abgebaut und die Fresken wurden übertüncht.
1626 – 1649: Umbrüche durch den Dreißigjährigen Krieg Während des Krieges eroberte der lutherische Zweig von Hessen-Darmstadt das Gebiet. Sie kehrten die Situation vorübergehend um: Die Kirche wurde wieder lutherisch und der Calvinismus wurde verboten.
1649 – 1740: Zwei protestantische Gemeinden in einer Kirche (Simultaneum) Ab 1649 wurde der Frieden geschlossen und es entstand eine ganz besondere Vereinbarung. Da inzwischen sowohl viele Calvinisten als auch Lutheraner in Sankt Goar lebten, erhielten beide Gruppen das Recht, die Stiftskirche zu nutzen. Sie hielten dort nacheinander ihre eigenen Gottesdienste ab.
Die Zeit ohne Orgel (ca. 1605 – 1740)
• Das Verbot: Nachdem Landgraf Maurits um 1605 die Orgeln hatte abreißen lassen, blieb die Stiftskirche jahrzehntelang ohne Instrument.
• Keine Musik bei der Hochzeit: Als das junge Paar 1733 vor dem Altar stand, sang die Gemeinde die Psalmen noch vollständig a cappella. Zu diesem Zeitpunkt gab es keine Orgel.
• Die Wende kam erst nach ihrer Hochzeit (1740): Der Ruf nach der Wiederaufnahme der Musik in der Kirche wurde erst um 1739 wirklich konkret. Im Jahr 1740 erhielt die Stiftskirche endlich wieder eine prächtige neue Orgel. Diese wurde vom bekannten Frankfurter Orgelbauer Johann Christian Köhler gebaut.
Zwischen Burg und Kirche – Herkunft und Jugend von Susanna Maria Knöpfel
Um die Welt zu verstehen, in der Susanna Maria Knöpfel im Jahr 1706 aufwuchs, müssen wir einen Blick auf das Leben und Wirken ihres Vaters werfen: Johann Konrad Knöpfel (1662–ca. 1720). Als Sohn eines protestantischen Pfarrers wurden Johann Konrad ein scharfer Verstand und ein solides Netzwerk in die Wiege gelegt. Im Jahr 1680 schrieb er sich an der Universität Marburg ein, dem intellektuellen und theologischen Herzen des protestantischen Hessens. Mit diesem akademischen Hintergrund im Gepäck ließ er sich in der strategisch wichtigen Rheinstadt St. Goar nieder. Hier baute er eine beeindruckende Karriere auf, die ihn zu einem der einflussreichsten Bürger der Region machen sollte.
Eine protestantische Schlüsselfigur unter katholischen Herren
Die politische und religiöse Situation, in der Johann Konrad agieren musste, war äußerst komplex. St. Goar und die darüber thronende, riesige Burg Rheinfels waren im Grunde protestantisches Gebiet. Doch durch eine Erbschaft innerhalb des Fürstenhauses Hessen fiel die faktische Macht im Jahr 1693 an eine streng katholische Seitenlinie: das Haus Hessen-Wanfried. Zuerst unter Landgraf Karl (1693–1711) und ab 1711 unter dessen frommem Sohn Landgraf Wilhelm II. regierten katholische Fürsten über eine fast vollständig protestantische Bevölkerung.
Obwohl dies auf dem Papier wie ein Rezept für einen Glaubenskrieg wirkte, war die Praxis überraschend pragmatisch. Dank alter Verträge (wie dem Regensburger Rezeß) waren die Rechte und Besitztümer der Protestanten gesetzlich geschützt. Die katholischen Landgrafen durften ihren Glauben in der Schlosskapelle auf der Burg und in einer neuen Kirche außerhalb der Stadtmauern ausüben, mussten die protestantischen Bürger jedoch in Frieden lassen. Um die Region stabil zu halten und die Steuereinnahmen zu sichern, benötigten die katholischen Landgrafen zuverlässige protestantische Verwalter, die das Vertrauen des Volkes genossen. Johann Konrad Knöpfel was der perfekte Mann am perfekten Ort.
Die Doppelrolle: Kirchliche Finanzen und militärische Logistik
Johann Konrad bekleidete in St. Goar eine entscheidende Doppelrolle. Zum einen war er der Stift-Kellner (Stiftsverwalter) der protestantischen Stiftskirche. In dieser einflussreichen Position verwaltete er die Administration, die ausgedehnten Ländereien und die Steuereinnahmen des protestantischen Stiftskapitels. Dass ein katholischer Landgraf wie Wilhelm II. die Kontrolle über diese wichtige protestantische Geldquelle vollständig Knöpfel überließ, beweist, wie sehr dessen Integrität und geschäftliche Fachkompetenz geschätzt wurden.
Seine zweite Funktion brachte eine noch größere Verantwortung mit sich: Johann Konrad war zugleich der Proviant-Commissair (Proviantkommissar) der Burg Rheinfels. Rheinfels war zu dieser Zeit eine der mächtigsten und bedeutendsten militärischen Festungen am Rhein, gebaut, um der ständigen Bedrohung durch französische Invasionen standzuhalten. Als Proviantkommissar war Knöpfel für die gewaltige logistische Operation innerhalb der Festung verantwortlich. Er sorgte dafür, dass die militärischen Vorräte – von Getreide, Fleisch und Bier bis hin zu Munition und Schießpulver – stets so aufgefüllt waren, dass sie einer monatelangen Belagerung standhalten konnten. In einer Zeit ständiger Kriegsgefahr war dies eine absolute Vertrauensstellung. Landgraf Wilhelm II. wusste, dass der Erhalt seiner strategischen Festung und burcht buchstäblich von der logistischen Präzision seines protestantischen Kommissars abhing.
Stabilität in einer angesehenen Familie
Während Johann Konrad täglich zwischen den Interessen der protestantischen Bürgerschaft unten in der Stadt und dem katholischen Hof oben auf der Burg navigierte, baute er sein eigenes Familienleben auf. Am 29. April 1695 heiratete er in der Stiftskirche Regina Magdalena Dirx (eine Tochter aus einem soliden, lokal-regionalen protestantischen Milieu).
In dieser wohlhabenden, hochgebildeten und angesehenen Familie des Stiftkellners wurde am 11. September 1706 ihre Tochter Susanna Maria Knöpfel getauft. Sie wuchs in einer Welt auf, in der Kultur, religiöse Toleranz, administrative Verantwortung und Musik Hand in Hand gingen. Es war genau diese intellektuelle, protestantische Erziehung im Schatten der Burg Rheinfels, die den Grundstein für ihr späteres Leben und ihre Heirat im Jahr 1733 mit dem begabten Pfarrerssohn und Cembalobauer Johann Daniel Dulcken legte.
Conrad Knöpfel, 1662 in Wolfershausen geboren, schrieb sich 1680 an der Universität Marburg ein und wurde Proviantkommissar in der hessischen Festung Rheinfels bei St. Goar.
Conrad Knöpfel heiratete am 29. April 1695 Regina Magdalena Dirx. Conrad Knöpfel starb vor 1721.

Den 7. April. sind zum ersten mal proclamirt worden, Herr Jo- han Conrad Knöpfel, Proviant=Meister, Herrn Conrad Knöpfels, Metropolitani zu Milsungen, ehelicher Sohn; und Jgfr. Regina Magdalena, Herrn Dieterich Diepers, Rath= gängers eheleibliche Tochter. Den 29. April. copulati. Den 16. Jun. sind zum ersten mal proclamirt.
Am 7. April wurden zum ersten Mal aufgeboten: Herr Johan Conrad Knöpfel, Proviantmeister, ehelicher Sohn des Herrn Conrad Knöpfel, Metropolitan (Hauptpastor/Superintendent) zu Melsungen; und Jungfer Regina Magdalena, eheliche Tochter des Herrn Dieterich Dieper, Ratsherr. Am 29. April wurden sie getraut.

Taufeintrag Susanna Maria Knöpfel - transcriptie Dr. Johannes Burkardt
Complete
Den 11 t[en] [Novem]bris wurde Don[n]erstag Nachmittags zwisch[en] 12 u[nd] 1 Uhren
nach gehaltener
Beth=Stunde in öffentl[icher] Versam[m]lung getaufft Susanna Maria,
H[errn] Johann Conrad Knöpffels, Proviant-Com[m]issarii u[nd] Stiffts=
Kellners allhier Töchterlein. Gevattern waren Herr Oswald
Wollff, Nachgänger am hiesigen Hoch=Fürstl[ichen] Gesam[m]t-Rhein=
Zoll, u[nd] Fr[au] Maria Barbara, H[errn] Samuel Kellers, Stadt=
Lieutenants allhier ehel[iche] Hauß-Frau, wie auch H[errn] Pfarrers Geissel
Fr[au] Eheliebste von Wollroda
des H[errn] Vatters Schwester.*
* Die letzten 12 Wörter mit blasserer Tinte später nachgetragen.
Historische Rekonstruktion: Lebensumfeld und gesellschaftliche Transition von Susanna Knöpffel
Einleitung
Die Jugend von Susanna Knöpffel spielte sich innerhalb des administrativen und religiösen Kerns von Sankt Goar ab. Ihr Vater, Johann Conrad Knöpffel, bekleidde zwei einflussreiche Regierungsämter: Stift-Kellner (Hauptverwalter) des Stifts und Proviant-Commissair auf der Burg Rheinfels. Hierdurch gehörte die Familie zur lokalen herrschenden Elite.
Wohnraum und die Stiftskellerei
Als Hauptverwalter war ihr Vater für die Steuereinnahmen, Pachterträge und Immobilien der Kirche verantwortlich. Die offizielle Dienstwohnung und das Büro (die Stiftskellerei) befanden sich direkt auf dem Komplex. Historische Karten zeigen, dass die Familie in den direkt an die Kirche grenzenden Gebäuden wohnte, die als Clofter (Kloster) oder Aptey (Abtei) bezeichnet wurden. Dies war kein ruhiges Privatumfeld, sondern ein funktionales Verwaltungszentrum. Es gab einen ständigen Strom von Bauern, Händlern und Beamten, die ihre Naturalsteuern (wie Wein und Getreide) ablieferten.
Logistik und Infrastruktur rund um das Haus
Das tägliche Leben der Familie wurde logistisch durch die umliegende Infrastruktur bestimmt. An der Nordseite bildete die Obere-Straße die wichtigste Verkehrsader durch die Stadt für Transporte und Reisende. Die Heiligen Gasse an der Westseite begrenzte den Klosterkomplex und bot einen direkten, ruhigeren Weg zum Markt und dem Rathhauss (Rathaus) in der Unterstadt. Die Wacher (der Stadtbach) floss direkt an der Abtei vorbei und diente der Wasserversorgung und Entwässerung des Komplexes.
Religiöse und gesellschaftliche Verpflichtungen
Die Grose Kirch. (die protestantische Evangelische Stiftskirche) stand im Mittelpunkt des öffentlichen Lebens der Familie. Aufgrund des hohen gesellschaftlichen Status des Vaters hatte die Familie einen festen, angesehenen Platz im Kirchenschiff. Sie nahmen an allen offiziellen protestantischen Gottesdiensten und Zeremonien teil. Der wöchentliche Kirchgang prägte Susannas soziale Kontakte innerhalb des gehobenen Bürgertums von Sankt Goar.
Die Beziehung zur Burg Rheinfels
Obwohl die administrative Basis der Familie in der Unterstadt lag, gab es eine direkte funktionelle Verbindung zur militärischen Führung. Die Alte Burg und die höher gelegene Festung Rheinfels waren die Orte, an denen ihr Vater die militärischen Vorräte verwaltete. Dies bedeutete, dass die Familie Knöpffel enge Beziehungen sowohl zu den kirchlichen als auch zu den militärischen Behörden der Landgrafschaft Hessen-Kassel unterhielt. In diesem streng organisierten administrativen Netzwerk wuchs Susanna auf.
Soziopolitische Veränderungen und die Transition nach dem Tod von Johann Conrad Knöpffel
Die familiäre Situation erfuhr nach dem Tod des Familienoberhaupts Johann Conrad Knöpffel vor dem Jahr 1721 eine tiefgreifende Zäsur. Sein Ableben hinterließ nicht nur ein persönliches Vakuum, sondern bedeutete höchstwahrscheinlich auch den Verlust der offiziellen Dienstwohnung innerhalb des administrativen Klosterkomplexes.
Dieser familiäre Umbruch fiel zudem mit größeren geopolitischen und religiösen Spannungen in der Region zusammen. Obwohl Sankt Goar traditionell eine protestantisch-reformierte Enklave war, geriet die lokale Verwaltung durch den Amtsantritt der katholischen Landesherrschaft innerhalb des Hauses Hessen-Rheinfels-Rotenburg unter zunehmenden Druck. Dieser zentralisierende und gegenreformatorische Einfluss gipfelte in tiefgreifenden administrativen Reformen, die bis zum Jahr 1731 und darüber hinaus andauerten. Der Verlust ihres Protektors, in Kombination mit diesem vordringenden katholischen Einfluss auf die Verwaltung der Kirchengüter, veranderte die gesellschaftliche Stellung der protestantischen Elite vor Ort einschneidend. Dieser verstärkte sozioreligiöse Druck bildet einen entscheidenden Kontext für die Heirat der Tochter Susanna Maria Knöpffel im Jahr 1733 in eben dieser Grose Kirch. mit dem Cembalobauer Joannes Daniël Dulcken und ihren anschließenden Wegzug aus Sankt Goar.

Heirat in verbotener Zeit: Die hastige Adventshochzeit des Cembalobauers Johannes Daniel Dulcken unter der Burg Rheinfels
SANKT GOAR – Am 17. Dezember 1733 erklangen in der Stiftskirche von Sankt Goar die Ehegelübde des jungen, talentierten Cembalobauers Johannes Daniel Dulcken und seiner Braut Susanne Maria Knöpfel. Es war ein kalter Wintertag mitten im Advent. Dass an diesem Tag überhaupt geheiratet wurde, war eine absolute Seltenheit und ein Act reiner Notwendigkeit. Die protestantische Kirche weigerte sich damals strikt, Trauungen während des Tempore Vetito – der verbotenen Zeit der vorweihnachtlichen Besinnung – durchzuführen. Doch das junge Paar hatte keine Zeit zu verlieren. Hoch über der Kirche thronte ihre einstige Heimat, die mächtige Burg Rheinfels, die ihnen kurz zuvor von einem katholischen Besatzer gewaltsam entrissen worden war.
Eine gestohlene Jugend auf einer protestantischen Festung
Um den immensen Druck hinter dieser eiligen Hochzeit zu verstehen, muss man einen Blick auf die Geschichte der Burg und die Jugend der Braut werfen. Susanne Maria Knöpfel wurde 1706 auf der Burg Rheinfels geboren. In jenen Tagen war diese kolossale Festung am Rhein ein unerschütterliches protestantisches Bollwerk. Seit der Reformation im Jahr 1528 führte die calvinistische Hauptlinie der Landgrafschaft Hessen-Kassel dort stolz das Regiment.
Susannes Vater, Johann Conrad Knöpfel, war als Proviant-Commissair und Stift-Kellner der höchste protestantische Verwalter der Festungsvorräte. Susanne wuchs in der sicheren, privilegierten Abgeschiedenheit dieser protestantischen Garnisonsstadt auf.
Diese protestantische Idylle fand jedoch ein abruptes Ende, als ihr Vater vor 1721 verstarb und die Burg kurz darauf durch einen erbitterten adligen Erbfolgestreit an die katholische Seitenlinie Hessen-Wanfriedfiel. Als der fromme katholische Landgraf Christian von Hessen-Wanfried-Rheinfels 1731 mit seinen Truppen in die Burg einzog, verwandelte sich Susannes einstige Heimat plötzlich in eine feindliche, katholische Insel. Die protestantischen Beamten wurden vertrieben. Die Burg war den Knöpfel-Waisen buchstäblich geraubt worden.
Die Flucht im Tempore Vetito
Als Susanne 1733 die Liebe des protestantischen Cembalobauers Johannes Daniel Dulcken (Sohn eines Pfarrers) gewann, war die Lage im Rheintal unhaltbar geworden. Mit einem katholischen Landgrafen auf der Burg, der die protestantische Stadt Sankt Goar bedrängte, und der ständigen Bedrohung durch herannahende französische Truppen, herrschte akute Panik.
Bis zum Frühjahr zu warten, war keine Option, doch der Kalender sprach gegen sie. Seit dem Mittelalter galt in der Kirche das Tempore Vetito (die „verbotene Zeit“). Da der Advent ursprünglich als eine Phase strenger geistlicher Einkehr und des Fastens galt, waren laute Feierlichkeiten und Hochzeiten gesetzlich strengstens untersagt. Auch die protestantischen Kirchen hielten nach der Reformation an dieser strikten Ruhezeit fest.
Das Paar beantragte – und erhielt aufgrund der Krise – eine seltene kirchliche Dispensation (Ausnahmegenehmigung), um diese zwingenden Gesetze zu umgehen. Das Aufgebot wurde verkürzt, und sie gaben sich hastig das Ja-Wort.

Heiratseintrag Johann Daniel Dülcken und Susanna Maria Knüpfelin transcriptie Dr. Johannes Burkardt
Compleet
17. [Decem]ber * Sindt H[er]r Johann Daniel Dülcken, Kauff- u[nd] Handels=mann,
H[errn] Pfarrers Dül=
ckens zu Winches=hausen (sic!) in der Graffschafft Berlenburg
Ehel[icher] Sohn, u[nd] J[ung]fer
Susanna Maria Knüpfelin, des weyland H[errn] Johann Conrad Knüpfels
gewesenen proviant=Com[m]issarii u[nd] Stiffts=Kellers allhie,
nachgelasene Ehel[iche]
Tochter, copuliret u[nd] den 23 t[en] augusti hui[us] anni zum
I stenmal p[ro]clamiret word[en].
* Darunter Eintrag mit blasserer Tinte, aber von gleicher Hand: „16. hui[us] de infra. N[ota] B[ene].“
Während sie unten calvinistische Psalmen sangen, konnten sie oben auf der Rheinfels die katholischen Burgwachen patrouillieren sehen. Die Hochzeit war kein großes Fest, sondern eine strategische Flucht nach vorn.
Die Eskalation des Polnischen Thronfolgekrieges im Jahr 1734 machte das Rheintal zu einem unhaltbaren Kriegsschauplatz. Obwohl es der Landgrafschaft Hessen-Kassel gelang, die Kontrolle über die Burg Rheinfels zu konsolidieren, führten die französischen Truppenbewegungen unter dem Befehlshaber Kleinholz und der Fall der nahe gelegenen Festung Philippsburg zu ständiger militärischer Bedrohung und wirtschaftlicher Lähmung in St. Goar. Für ein frisch vermähltes Paar aus der Beamten- und Kaufmannselite bot dieses unsichere Grenzgebiet keine tragfähige Zukunftsperspektive. Ihre Wahl fiel daher auf Maastricht. Als eine der wichtigsten und am besten befestigten Garnisonsstädte der Republik der Vereinigten Niederlande bot Maastricht den perfekten sicheren Hafen. Die Stadt lag strategisch außerhalb des unmittelbaren rheinischen Kriegsschauplatzes, war aber über die Maas hervorragend an die internationalen Handelswege angebunden. Um zu überleben, schlossen die Familien eine strategische „Kettenheirat“: Johannes Daniels älterer Bruder, Johan Christian Dülcken, heiratete Susannes Schwester Anna Christiana Knöpfel. Die Familien lebten Wand an Wand im Haus/Geschäft „Het Gulde Cruijs“ an der Munt und bildeten eine feste Front.
Trotz der doppelten Allianz und der Unterstützung durch unverheiratete Schwestern wie Regina Magdalena Knöpfel geriet Johannes Daniel in tiefe finanzielle Nöte. Die Situation eskalierte, als er sich im Laufe des Jahres 1737 eine astronomische Summe von 600 Gulden von der Witwe des Maastrichter Bürgermeisters Hesselt van Dinter lieh. Da seine Einnahmen in Maastricht nicht ausreichten, zog Johannes Daniel um die Jahreswende 1737/1738 nach Antwerpen, um dort sein Glück zu suchen.
Obwohl der Magistrat in Maastricht zunächst einen Verwalter für seinen Besitz bestellte, bewies Johannes Daniel in Antwerpen wahre Rechtschaffenheit. Seine exzellenten Instrumente verkauften sich hervorragend. Immer wieder erhalten sie Briefe vom Konkursverwalter in Maastricht, und jedes Mal muss Daniël darauf antworten. Dies dauert bis Mitte 1740. Wie die Schulden beglichen wurden, ist unklar. Sein wiedergewonnener Erfolg wurde endgültig besiegelt, als er am 21. Januar 1746 drei nebeneinander liegende Häuser im Antwerpener Hopland kaufte, wo er seine weltberühmte Werkstatt errichtete und zu einem angesehenen Bürger der Stadt aufstieg.


MAASTRICHT
Die Geschichte wiederholt sich in München
Fast sechzig Jahre später wiederholte sich diese religiöse und soziale Prüfung auf unheimliche Weise bei ihrem Enkel Louis Dulcken. Louis wurde 1761 auf dem Carthuijsers Kerkhof in Amsterdam geboren, wuchs bis zu seinem dreizehnten Lebensjahr im protestantischen Hasselt (Overijssel) auf und zog später über Antwerpen nach München. []
Genau wie sein Großvater im verbotenen Winter des Jahres 1733 musste Enkel Louis 1799 im streng katholischen Kurfürstentum Bayern alle Hebel in Bewegung setzen, um die katholische Spitzenpianistin Sophie Lebrun heiraten zu dürfen. Erneut baute ein katholisch geprägtes Umfeld Barrieren für einen protestantischen Dulcken auf. Und erneut siegte das Handwerk: Louis wurde Hofklaviermacher und überbrückte die Glaubenskluft mit der universellen Sprache der Musik.
Der Kreis der Dulcken-Dynastie schloss sich: Er begann mit einem hastigen protestantischen Ja-Wort in der verbotenen Adventszeit unter einer geraubten Burg, führte über eine ehrenvoll zurückgezahlte Schuld in Maastricht zum Besitz von drei Häusern in Antwerpen und endete in der Harmonie einer der erfolgreichsten Musikerfamilien des 19. Jahrhunderts.
"Nomina Sponsoru[m] Dies Mensis Decembris An[n]o 1799
Dülken, seu 27. Ludovicus Dülken churf[ürstlicher] Hof-Instrumen[ten]m
Dälken macher, acatholicus, des Ludovicus
dessen Dülken k[öniglich] französischen Instrumenten
Revalidation machers, dann Anna dessen Eheweib
m[a]t[ri]m[on]ii ____ beiden seelig, ehlicher Sohn, mit
Sophia Lebrun, des Ludovicus
x Lebrun churf[ürstlichen] Hofmusikus, dann
Lebrun Francisca dessen Eheweib seelig, ehelichen
Tochter. Testes: Theobald Marchand
churf[ürstlicher] Theater-Director, Franz
Danzi c[h]u[r]f[ürs]t[licher] Kapelmeister, tempore
vetito cum dispensatione denuntiationu[m]".

Louis Dulcken - Sophie Lebrun - Franz Danzi - Theobald Marchand


Transcriptie
[30verso?]
Notae
ad nuptias has Dülkanas
ex mandato celsissimi ordinis renovandas
quia antea Augusta Vindelicorum coram
Evangelico Pastore contractas, sunto.
[31recto?]
§ 1
Ludovicus, civis jam Monacensis, ob coëmptas
aedes sibi, homo*1 acatholicus suam magistra=
tui nostrati dissimmulaverat religionem, quia
neutiquam ab eodem senatu idcirco interogatus.
Mox discessit Augustam ad Pastorem Lu=
theranum (nescius Iurium Bavariae, semper
catholicae et immaculatae ab omni haeresi) atque
ibidem putatitio junctus matrimonio est.
Hanc copulam nullam ab initio, et irritam
omnino jussit more catholico renovare Dominus ordinis?*2
et quidem pro hoc casu solo, ob idoneas ratio=
nes v.g. (=verbi gratia) ob inscitiam contrahentium, ob
bonum prolis pp? et quidem sede pontificia
nunc vacante pp?
§ 2
Ad acta Parochialia, sub conubio Parochialia
in extenso jacent coetera omnia, una=
cum reversalibus Ludovici Dülken pro
se, proque posteritate sua.
§ 3
ad finem et calcem huius libri adnecto copiam
horum reversalium, ad perpetuam huius
casus memoriam, et informationem.
Sigilla mea ex officio meo
parochi etc.
sunt ad calcem libri huius
anno hoc copulati sunt 96.
In de marge [31r]
Can. Theol'g aul'ae
cons: frising. actae: ? = Freising?
Rav. de Scheser…?
Parochus scripsi
ad Iussum et Man=
datum celsissimi et Re=
verendissimi?*3 Ordinis
Ik, … , pastoor (Parochus), heb dit geschreven op bevel en verordening van de verheven en eerbiedwaardige (klooster)orde.
Vertaling
Opmerkingen
bij dit huwelijk van Dülken
dat op bevel van de verheven (klooster)orde herhaald / vernieuwd moest worden
omdat het eerder in Augsburg ten overstaan van
een Evangelische prediker gesloten was, …?*4
27 december 1799
§ 1
Louis, reeds een inwoner van München,*5 had, toen hij een huis ging kopen, als niet-katholiek, zijn geloof voor onze ambtenaar verborgen gehouden, omdat het bestuur hem hier ook niet naar gevraagd had.
Kort daarop vertrok hij naar een Lutherse prediker in Augsburg (onwetend van de wetten in Beieren, waar men altijd katholiek is geweest en onaangeroerd door enige vorm van ketterij) en daar dacht hij getrouwd te zijn.*6
De ordemeester? heeft verordend dat deze verbintenis, die vanaf het begin nietig en geheel en al ongeldig was, in dit uitzonderlijke geval, op de katholieke manier herhaald / vernieuwd moest worden, vanwege geschikte redenen, bijv. vanwege de onwetendheid van de betrokkenen, vanwege het welzijn van de kinderen (en omdat er momenteel geen paus is).*7
§ 2
Aangaande de Acta Parochialia (=Handelingen van de parochie), alle overige Parochialia zijn, samen met de repliek van Louis Dülken ten bate van hem en zijn kinderen, in hun volledigheid te vinden (in extenso iacent) onder het kopje huwelijk (sub conubio).
§ 3
Tenslotte en ten einde van dit boek voeg ik deze vele replieken toe, ter eeuwige herinnering aan deze zaak, en ter lering.
Mijn zegels overeenkomstig mijn ambt als pastoor etc. (parochus) zijn achterin dit boek te vinden.
Dit jaar zijn er 96 [mensen] getrouwd.
*1-ho’o = homo?
*2-Dominus ordinis? Het gaat om de hoogste functie binnen een bepaalde religieuze groep. Ik vertaal het maar letterlijk met ‘ordemeester’. De religieuze orde komt vaker ter sprake.
*3-reverendissimi’ is het eerste waar ik aan denk, maar of dat er staat weet ik niet zeker.
*4-sunto?
*5-Monacum, -ch(i)um = München, St., Bayern (Graesse, Orbis Latinus).
*6-Augusta [Vindelicorum] = Augsburg (Pinkster, Woordenboek Latijn-Nederlands).
*7-Augusta [Vindelicorum] = Augsburg (Pinkster, Woordenboek Latijn-Nederlands).
*8’-sedisvacatie’ van 29 augustus 1799-14 maart 1800, paus gevangengezet door Napoleon en in gevangenschap gestorven.
Transcriptie - Dr Verena Demoed

St. Goarer Taufeintrag Regina Magdalena Dirx vom 24. September 1676
(KB 149-1, S. 56)
1.
Heirat von Conrad Knöpfel und Regina Magdalena Dirx am 29. April 1695 (KB 149/1, S. 255);
2.
Taufe von Dietrich Conrad Knöpffel am 9. Februar 1696 (KB 149/1, S. 105);
3.
Taufe von Maria Sophia Christiana Knöpfel am 9. November 1697 (KB 149/1, S. 116);
4.
Taufe von Anna Margaretha Elisabeth Knöpffel am 24. September 1699 (KB 149/1, S. 125);
5.
Taufe der am 18. April 1701 geborenen Anna Getrud Henriette Knöpfel (KB 149/1, S. 130);
6.
Taufe von Johann Christian Ludwig Knöpffel am 21. Juni 1703 (KB 149/1, S. 137);
7.
Taufe von Johann Henrich Werner Knöpffel am 23. Dezember 1704 (KB 149/1, S. 142);
8.
Taufe der am 16. Mai 1709 geborenen Anna Christina Dorothea Knöpfel (KB 149/1, S. 158);
9.
Taufe der am 28. Februar 1711 geborenen Maria Elisabeth Knöpffel (KB 149/1, S. 162);
10.
Taufe von Johann Ludwig Knöpffel am 29. Dezember 1712 (KB 149/1, S. 168);
11.
Taufe des am 22. November 1714 geborenen Johann Wollrath Knöpfel (KB 149/1, S. 177).
Foundation Musick's Monument
